Dezember 09, 2018

Sexueller Missbrauch: Was stimmt nicht mit unseren Werten?

Sexueller Missbrauch: Was stimmt nicht mit unseren Werten?

Etwa jeder siebte Deutsche wurde in seiner Kindheit sexuell missbraucht. Das förderte eine neue Studie
zutage. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Zahl sogar untertrieben ist, denn die Dunkelziffer bei solchen Taten liegt naturgemäß höher.
Wo ist das Problem?

Seit dem „Kampf gegen den Terror“ ist ist die Betonung unserer Werte stetig lauter und vehementer geworden. Bei näherer Betrachtung wird es jedoch diffus. Was sind diese Werte? Freiheit? Was genau soll das bedeuten im Zeitalter von Hartz-IV-Sanktionen und massenhafter Ausspähung? Demokratie? Was für eine Demokratie lässt Kriegseinsätze, Rüstungsexporte und so etwas wie Ramstein mitten im eigenen Land zu, obgleich doch ein Großteil der Bevölkerung dies gar nicht will? Oder eben diese schwammige Aussage, es gehe „uns“ gut? Wirtschaftlich betrachtet geht es nun einmal immer weniger Menschen gut, sie wissen längst nicht mehr, wie sie ihre zwei oder drei Jobs unter einen Hut bringen sollen. An gesellschaftliche Teilhabe denken wir dabei noch gar nicht. Dann muss es wohl psychologisch sein. Schließlich gibt es genügend Länder, in denen es den Menschen noch viel schlechter geht. Das muss es sein! Es geht uns gut, weil es anderen deutlich schlechter geht.
Bleibt noch der Wert der Familie als Ort der Harmonie und Verständigung. Gemeinsames Frühstück am Sonntag, Gespräche an langen Abenden, Ausflüge, zusammen kochen, spielen, lachen. Aber wie ist dann die erschreckend hohe Zahl sexuellen Missbrauchs zu erklären?

Weiße Bettwäsche und dunkle Gedanken

In der „Spiegel“-Ausgabe Nummer 13/2017 erschien ein Artikel, der sich unter anderem mit Markus Diegmann beschäftigt. Diegmann wurde als Kind sexuell missbraucht, wiederholt. Heute ist er 51 Jahre alt, kann seinen Beruf nicht mehr ausüben und fährt mit einem Wohnmobil durchs Land. Erst nach und nach kamen die Erinnerungen hoch, man muss wohl eher sagen: ließ Diegmann sie zu. Die Verdrängung der Erlebnisse ist ein Effekt, den viele Opfer erleben. Oft fühlen sie sich mitverantwortlich, schuldig, oder sie wollen einfach nicht mehr an das denken, was ihnen widerfuhr und ihr Leben geprägt und zerstört hat. Das verklärte Bild des einsamen Mannes, der ganz frei mit seinem Wohnmobil durch das Leben fährt, ist übrigens unpassend. Denn Diegmann – eigentlich IT-Experte – kann seinen Beruf nicht mehr ausüben, muss mit 800,- Euro im Monat klarkommen und die notwendigen Therapien muss er sich immer wieder erkämpfen. Ein Kampf, der zusätzlichen Druck ausübt und das Opfer zusätzlich schwächt.

Die weiße Bettwäsche – mit der kam Diegmann über viele Jahre nicht zurecht. Bis er verstand, dass er in eben jener weißen Bettwäsche lag, als der nackte Mann zu ihm kam, um ihn zu vergewaltigen. Immer und immer wieder. Experten sprechen im Falle Diegmanns von „sexueller Gewalt im familiären Umfeld“. Das ist meistens der Fall. Missbrauch und Vergewaltigungen finden nicht in der Mehrheit durch anonyme Täter statt, sondern durch Bekannte, Freunde der Familie oder eben durch die Familie selbst.

Der Gesetzgeber als zahnloser Tiger

Medial ist es immer eine große Sache, wenn Missbrauchsfälle wie die an der Odenwaldschule aufgedeckt werden. Die Folge sind aktionistische Änderungen an Gesetzen. Da werden Verjährungsfristen verlängert, Entschädigungen bereitgestellt, die Notwendigkeit der Prävention betont. Doch wie genau soll Prävention aussehen? Bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander oder die Vorschläge bleiben abstrakt und an der Oberfläche. Gespräche, Hilfsangebote, Therapien, ja, sicher. Aber wie genau kann das präventiv umgesetzt werden? Und bei wem? Bei allen? Bei potenziellen Opfern? Wie erkennt man sie, wenn sie sich nicht äußern?

Oder doch lieber dem Kriminologen Christian Pfeiffer glauben, der sagt, dass die Fälle sexuellen Missbrauchs zurückgegangen seien? Das wäre fahrlässig, denn da aus Opfern in vielen Fällen Täter werden, und weil der Blick in die familiären Zustände nur selten möglich ist, darf und muss Pfeiffer widersprochen werden. Im Gegenteil, es ist anzunehmen, dass die Annahme, jeder siebte Deutsche sei sexuell missbraucht worden, noch untertrieben ist.

Wird beispielsweise eine Frau nachts im Park von einem Fremden vergewaltigt, ist diese Tat ungeheuerlich und führt zu psychischen Problemen, die sich Außenstehende nicht vorstellen können. Ein Leidensweg beginnt, der grundsätzlich schwere Schäden beim Opfer hervorruft. Und selbst diese Frauen, die offenkundig unschuldig an der Tat sind, tun sich oft schwer, zur Polizei zu gehen. Einige tun es, andere versuchen selbst, mit den Folgen des Verbrechens fertig zu werden. Meist ohne Erfolg.
Beim Missbrauch an Kindern ist die Problematik anders gelagert und für die Täter einfacher zu handhaben. Kinder sind lenkbar, erpressbar, die Täter wenden alle nur erdenklichen Mittel an, um sie zum Schweigen zu bringen. In der Regel mit Erfolg. Die Annahme, sexueller Missbrauch sei rückläufig, erweist sich als nicht haltbar, insbesondere, weil die Dunkelziffer sich in einer Dimension bewegen wird, die selbst für jene schockierend sein dürfte, die sich intensiv und kritisch mit der Thematik befassen.

Zahlen, Zahlen, Opfer

Je nachdem, welche Statistiken man nutzt, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die „Welt“ kam im Jahr 2016 zum Schluss, es gebe mehr sexuellen Missbrauch als angenommen, die Tageschau kam 2013 zum Ergebnis, dass tägliche 40 Kinder sexuell missbraucht werden, Statista.com geht an das Thema nüchtern heran und bezieht sich auf Paragraphen. Doch verlässliche Zahlen gibt es nicht. Weil es kaum Ansätze gibt, realistische Werte zu ermitteln. Denn dazu sind die Aussagen der Opfer nötig. Und die schweigen häufig. Weil sie traumatisiert sind, erpresst wurden oder einfach Angst haben, über ihr Schicksal zu sprechen.

Was tun?

Es ist schwierig. Die schon erwähnte Prävention ist ungenau. Denn sie zielt fast immer auf Täter von außen ab. Die Ratschläge, die man nachlesen kann, sind sicherlich gut und führen zu mehr Selbstvertrauen und Aufmerksamkeit bei Kindern. Aber eben nur, wenn es um die Täter geht, die unbekannt sind, die mit dem sozialen Umfeld des Kindes, des Opfers nichts zu tun haben. Hier Anleitungen zu geben, ist einfacher als konkrete Situationen in Familien oder dem weiter gefassten sozialen Umfeld zu beschreiben. Und genau davor drücken sich die meisten Hinweise.

Den „bösen Mann“ einzuordnen, der bestimmte Verhaltensweisen und Strategien an den Tag legt, um seine Opfer zu „kriegen“, ist gut und richtig (natürlich gibt es auch die „böse Frau“, wenn auch erheblich seltener). Aber es deckt nur einen Teil der Gefahr ab. WMan muss also, wenn man Prävention ernst nimmt, einen Schritt weiter gehen – und kritisch in einem Bereich forschen und agieren, der als ein wichtiger Wert unserer Gesellschaft angesehen wird: der Familie.

Die Familie als „Wert“ gehört auf den Prüfstand

Die Familie. Sie wird regelrecht verklärt, und jeder, der selbst eine Familie hat (was naturgemäß in fast allen Fällen zutrifft), wird bestätigen können, dass es mit ihr so eine Sache ist. Man kann sie sich nicht aussuchen, ok. Man versteht sich nicht mit jedem Familienmitglied gleich gut, auch ok. Man verkracht sich, verträgt sich wieder, verkracht sich erneut, das passt schon, damit müssen wir alle klarkommen. Aber dennoch ist Familie eben heilig, und irgendwie auch tabu. Selbst sozialkritische Filme oder Bücher, die sich dem Thema nähern, umschiffen meist das Thema, das als Unthema verstanden wird, erfolgreich und hoch motiviert. Denn Familien dürfen ihre Probleme haben, sie dürfen auch dramatische Momente durchleben und durchleiden. Aber sexueller Missbrauch? Da hört es in der Regel auf. Denn so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht mit den familiären Problemen.

Ist es aber eben doch. Über Jahrzehnte hat sich ein Teufelskreis aufgebaut, der aus Opfern Täter hervorgebracht hat, die ihrerseits die nächsten Opfer und im nächsten Schritt Täter produzieren. Das geht immer so weiter. Und schon die Frage, wie man mit den Tätern umgeht (die zwar nicht immer, aber häufig selbst einmal Opfer waren), stellt die Gesellschaft vor scheinbar unlösbaren Aufgaben. Harte Strafen? Therapien? Oder gleich Maßnahmen, die künftige Taten auf medizinischem Wege verhindern? Sexueller Missbrauch ist ein Thema, das kaum pragmatisch angegangen wird. Interessanterweise schon gar nicht von nicht Betroffenen, die gern nach „Schwanz ab!“ und „Einfach aufhängen“ schreien. Wobei sich da bereits die Frage stellt, wie viele derer, die radikaler Maßnahmen fordern, womöglich doch in irgendeiner Form selbst betroffen waren oder sind (Stichwort: Dunkelziffer).

Letztlich kann Prävention, wenn sie denn funktionieren soll, nur so gestaltet werden, dass sie auch an familiären Situationen ansetzt.
Ein Beispiel vom oben verlinkten Beitrag des BR:

„Machen Sie Ihrem Kind klar, dass sein Körper ganz alleine ihm/ihr gehört und dass es ein Recht hat, darüber zu bestimmen, wer es wann und wie anfasst. Auch Worte und Blicke können komisch, unangenehm und verletzend sein.“

Ein guter, wichtiger Hinweis. Doch er muss auch innerhalb der Familie gelten. Und genau das leistet die Prävention, wie wir sie heute erleben, in der Regel nicht. Auch wenn man die Haltung der Bundesregierung betrachtet, findet Prävention hauptsächlich in pädagogischen Einrichtungen oder zu Hause statt. Und das sogenannte „Fünf-Säulen-Modell“ klingt zwar sehr schön, klammert aber die Familie als potenzielle Täterquelle faktisch aus. Das ist weit mehr als naiv, es ist das Ausblenden der Realitäten, wie sie täglich überall im Land stattfinden.

Wie Opfer ihre Täter erkennen

Es gibt wirklich gute Leitfäden und Kataloge, wie Kinder lernen können, sich gegen sexuellen Missbrauch zur Wehr zu setzen oder ihn rechtzeitig zu erkennen. Auch der Ansatz, mit versuchtem oder vollzogenem Missbrauch nicht alleine zu bleiben, sich mitzuteilen, das Gespräch und Hilfe zu suchen, ist löblich und unverzichtbar, keine Frage. Doch anonyme Täter zu beschreiben, ist das eine. Bekannte Täter zu benennen, das andere. Hier findet sich wenig Hilfe, kaum Unterstützung. Und das mag daran liegen, dass die Familie und das dazu gehörende Umfeld idealisiert werden, mehr noch: als erste Anlaufstation für Beratung und Hilfe betrachtet wird. Doch wer geht schon zum Täter, um sich zu offenbaren und auf Hilfe zu hoffen?

Zwar schreibt der „Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“, dass „es oft bekannte und vertraute Menschen und nur selten Fremde sind“, die Missbrauch begehen. Die Familie gehört jedoch offenbar nicht zu diesen bekannten und vertrauten Menschen. Nur ansatzweise lässt sich aus dem Text herauslesen, dass womöglich unter Umständen auch ein Familienmitglied der Täter sein kann. So ist zwar nach zu lesen, „Eltern und Fachkräfte sollten Kindern schon früh vermitteln, dass man über ‚schlechte‘ Geheimnisse, also Geheimnisse, die sich schlecht anfühlen, reden darf! Das ist kein Petzen und kein Verrat!“ Doch das funktioniert natürlich nicht, wenn es die Eltern und Fachkräfte selbst sind, die von ihren Opfer Stillschweigen über „unser kleines Geheimnis“ verlangen. Denn diese „Geheimnisse“ sind verstörend, zerstörend, die wenigsten Kinder finden einen Weg heraus.

Das Ende der Familie

Wenn sich abzeichnet, dass es in der Familie zum sexuellen Missbrauch kommt, muss das Konstrukt aufgebrochen werden. Es ist besonders das stillschweigende, verborgene Leiden, das für die Opfer maximale Hilflosigkeit erzeugt. Das Problem ist der Balanceakt zwischen begründeter Selbstbestimmung von Familien und dem erzwungenen Eingreifen von außen. Die Psychologin Katrin Schwedes meint, die Familie seiin unserer Gesellschaft unantastbar“, was dazu führe, dass oft weggeschaut werde. Der Täter, der aus dem Nichts erscheint, sei besser zu verdauen, aber wenn es ein Familienvater ist, der sein Kind missbraucht, herrscht die Angst vor, etwas zu zerstören, die Familie kaputtzumachen. Doch genau das ist ja im Falle sexuellen Missbrauchs längst der Fall. Etwas Kaputteres und Zerstörerisches als als sexuelle Gewalt an Kindern kann es kaum geben, die Familie in dem Sinne, wie wir sie verstehen, existiert also faktisch nicht mehr, wenn Missbrauch vorliegt.

Es gilt also, das Umfeld außerhalb der Familie zu sensibilisieren. Doch gerade weil niemand einen ungerechtfertigten Verdacht aussprechen möchte, passiert in Zweifelsfall nichts. Gerade weil es bei sexuellem Missbrauch um einen höchst sensiblen Bereich geht, rät Anne-Marie Eitel, Leiterin der psychoszozialen Beratungsstelle für Familien mit Gewalterfahrung der Diakonie in Düsseldorf, nicht sofort zur Polizei zu gehen. Diese müsse dann ermitteln und den Verdächtigen befragen. Für das Kind kann das gravierende Auswirkungen haben. Sie empfiehlt den Anruf bei einer Beratungsstelle, die sich um das weitere Vorgehen kümmert. Und das bedeutet, in vielen kleinen Schritten Beweise zu sammeln.

Die Verjährungsfrist muss abgeschafft werden

Das Feld des sexuellen Missbrauchs ist sowohl psychologisch, pädagogisch als auch juristisch komplex. Und sicher kann man bei zahlreichen Faktoren darüber streiten, wie das richtige Vorgehen aussehen kann oder soll. In jedem Fall aber ist die Verjährungsfrist ein dummes und an der Lebenswirklichkeit Betroffener vorbei geschriebenes Gesetz. Das Leid, das im Kindesalter durch sexuellen Missbrauch entsteht, dauert ein Leben lang an, die Wunden können bestenfalls versorgt, aber nicht geheilt werden. Es ist kein Wunder, dass sich Opfer oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten erklären und gegen ihre Peiniger vorgehen. Doch wenn das Opfer das 30. Lebensjahr vollendet ist, greift die Verjährung, die Chancen, dass der Täter verurteilt wird, sind gering. Zumindest an diesem Punkt kann und muss kurzfristig etwas geändert werden. Denn wenn Mord nicht verjährt, gibt es keine sinnvolle Erklärung dafür, warum es beim sexueller Missbrauch gängige Praxis ist. Es handelt sich um ein Verbrechen, das die Seele eines Menschen zutiefst verletzt, bis hin zum Gefühl, nicht mehr am Leben zu sein. Eine Leiche ist dafür nicht nötig, es reicht ein Blick in die Augen des Opfers.

Zudem muss der Wert Familie kritisch hinterfragt werden. Denn wenn jeder siebte Deutsche sexuell missbraucht wird, dann stimmt mit diesem Wert, auf den so großen Wer gelegt wird, etwas nicht. Ganz und gar nicht.

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